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Hennis Kurzgeschichten-Ecke

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Kurzgeschichten 8

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Das Chaos
Mein Bilderbogen
Ein Haus erzählt
Kein Unbär
Schiefi
Ich bin
Heraufbeschworene Vergangenheit

 

Das Chaos
Frühling war angesagt, meteorologisch und auch kalendarisch.
Im Himmel ist wohl, wie auch hier unten, alles durcheinander. Viel zu früh war er hinausgeschubst worden. Die Menschen konnten es kaum glauben, beinahe 20° zeigte das Thermometer, obwohl noch Winter war.
Die Samen und die kleinen Knospen vertrauten der Temperatur und strebten zum Licht. Doch dann kam sie wieder, die Kälte, mit stellenweise Nachtfrösten sogar. In der Natur überlebten nur die Robusten, und die Menschen schnieften und husteten. Selbst von Schlimmerem blieben sie nicht verschont.
Dickere Pullover wurden wieder bevorzugt, Schals und winterliche Anoraks. Die Pflanzen wurden behutsam wieder abgedeckt um größere Schäden zu vermeiden.

Der Frühling war irritiert, denn zurückgepfiffen, kam er kaum zur Besinnung. "RAUS" lautete der Befehl. Aber diesmal war er misstrauisch und darauf gefasst, dass der Winter sich wiederum noch nicht verabschieden will. Richtig, Graupelschauer, kalter Wind und Regen. Gegen einen warmen Regen hätte es ja keine Einwände gegeben, aber in dem Fall waren es auch die Wassermassen die bedrohlich wurden.

Traurig lungert der Frühling herum, bereit, mit seiner Wärme die Farbenvielfalt zum Erblühen zu bringen. Seine Zeit, ohnehin so kurz, würde er gern in einem Stück verschwenden.
Verrückte Welt!

Und die armen Menschen, die auch ganz durcheinander und traurig waren, taten ihm leid. Dem Frühling fiel ein Gedicht von Emanuel Geibel ein in dem er sagte:
"Und dreut der Winter noch so sehr mit trotzigen Gebärden,
und streut er Schnee und Eis umher, es muss doch Frühling werden."

 

Mein Bilderbogen   
Das Vorgestern schmückte viele Jahre die Wand über dem Sofa. Ein Bild.
Es zeigte den Lustgarten um 1810. An der linken Seite sah man ein Stück vom Zeughaus, im Hintergrund war der Dom. In der Mitte flanierten Herren im Gehrock und Damen, deren Röcke lang und wallend über den Sandboden schleiften. Ebenso wie die Degen der Herren Offiziere.Pferdekutschen durchpflügten den Sand und hinterließen ihre Spuren. Ich liebte das Bild und träumte mich in diese Vergangenheit. Aber hätte ich wirklich in diesem Vorgestern leben wollen?

Mein Gestern beginnt mit meiner Geburt in einem Krankenhaus in Lichtenberg. Auf den gepflasterten Straßen spielte ich Hopse, Ball, Verstecken und Einkriegezeck. Meine Großmutter hatte Pferd und Wagen und verkaufte Obst. Zu Pfingsten verkaufte sie zusätzlich Maibäume und junge Birkenzweige. In der dunklen Jahreszeit wurden 2 Karbidlampen über dem Obst aufgehangen. Sie stanken gräßlich.
Abends wurde der Wagen in die Remise geschoben und die Pferde, Lotte und Fritz, kamen in den daneben liegenden Stall. Sie bekamen Futter und die Geräusche der malmenden und schnaufenden Pferde waren vertraut und wohlig. Auch ihr Geruch.
Später mußte Oma erst Fritz, dann Lotte dem Militär geben. Sie kaufte einen Tempowagen, den Richard, ihr Jüngster fuhr. Das war ein Auto mit nur 3 Rädern, 1 vorne und 2 hinten. 1941 wurde Richard eingezogen und die Existenz geriet in's Wanken. Keiner konnte das Vehikel fahren. Oma kaufte einen Wagen mit einer Deichsel zum Ziehen und wer konnte hat geholfen.
Lange war das nicht zu schaffen und sie gab auf.

Richard, nur 13 Jahre älter als ich, kam aus Rußland nie zurück. Es tat so weh! Das Leid meiner Großmutter bereitete mir zusätzlich Schmerzen.
Der Krieg nahm Ausmaße an, die kaum vorstellbar waren und sind. Berlin lag unter ständigem Beschuß, wir lebten im Keller.
Die Russen sind da! Das war ein Schock. Durften wir uns freuen? Mußten wir Angst haben? Mit Anderen kam ich zaghaft aus dem Keller. Das Erste was ich sah, war ein Landser, der an einer Laterne hing. Auf seiner Brust ein Pappschild, auf dem mit großen Buchstaben gekritzelt war ICH BIN EIN VERRÄTER.
Ich war fassungslos. Wer hatte ihn aufgehangen? Was hatte er verraten? Entsetzen und Angst packte mich.
Es fielen nun keine Bomben mehr, nur vereinzelt Schüsse. Wir konnten in der Nacht schlafen. Aber Berlin war todkrank.
Würde es gesunden?

Das Heute beginnt.
Nichts ist normal, die Stadt geteilt in Ost und West.
So oft wir durften, fuhren wir mit Passierscheinen zu Freunden und Verwandten. Einmal fuhr ich früher und allein zum Übergang Friedrichstraße. Ein Volkspolizist forderte mich auf, ihm in einen kleinen Raum zu folgen. Ich mußte alles auspacken. Sogar den Kugelschreiber nahm er auseinander. Sah ich so gefährlich aus? Ich schaute ihn freundlich an. Er sah gut aus. Schließlich durfte ich alles einpacken und gehen.
Natürlich hatte ich die Story von dem hübschen Volkspolizisten erzählt, auch meinem Mann der später gekommen war. Bei der Ausreise, wir waren in fröhlicher Stimmung, sah ich den, der mich kontrolliert hatte, mit einem Kollegen stehen. Übermütig lachend sagte ich zu meinem Mann: "Das ist der junge Mann mit dem ich heute im Kabäuschen war." Alle schmunzelten, sogar die Polizisten.

Berlin jetzt, 15 Jahre nach dem Fall der Mauer.
Ich denke an das große Bild vom Lustgarten um 1810. Mich packt Neugier und ich fahre dort hin. Ich suche die Position von der aus das Bild entstanden war. Im Zeughaus, es hat alles überdauert, ist das Historische Museum. Die Straße Unter den Linden teilt den Lustgarten. Die rechte Seite ist eher unansehnlich. Links der Linden ist der große Platz sehr schön gestaltet. Im Hintergrund der Dom. Von allen Seiten führen gepflasterte Wege zum Springbrunnen in der Mitte. Ich spaziere dort hin. Vor dem Museum steht die große Granitschale, schon seit 1935. Die übrige Fläche ist, von Steinen eingerahmt, mit Rasen begrünt. Menschen vieler Nationalitäten spazieren hier oder sitzen auf den Steinen. Es wird viel fotografiert.

Ja Berlin, wie hast du dich verändert.
Wie wirst du morgen aussehen?

 

Ein Haus erzählt   
1922 war die Grundsteinlegung, aber daran habe ich keine Erinnerung.
Ein 3/4 Jahr später war ich fertig und die ersten Mieter zogen zum Trockenwohnen ein. Das war früher so, da konnten die Mieter billig wohnen. Ich sah gut aus, frisch geputzt in hellen Tönen. Es ging mir so ungefähr 18 Jahre lang gut.

Dann hat der Krieg mich verändert. Mein Dachstuhl wurde zerbombt und ich hatte Risse in meinem Mauerwerk. Ich habe sehr gelitten damals. Doch es gab Häuser denen es schlimmer erging. Ich bin noch ganz gut davongekommen.

Als der Krieg endlich zu Ende war, wurden die Schäden in den Wohnungen beseitigt. Risse wurden verputzt und Wände gerichtet. Meine Fassade sah schlimm aus, aber die musste noch warten. Doch ich hatte keinen Grund zur Klage, hatte ich doch überlebt. Manche Häuser waren einfach weggeputzt worden, durch Luftangriffe oder als Berlin beschossen wurde.

Mein Dachstuhl ist seit damals nicht so ganz in Ordnung. Die Grundmauern sind am Zerfallen und eines Tages breche ich zusammen. Die Ruine wird schnell beseitigt, denn Ordnung muss sein.

Noch werde ich von Mietern bewohnt und es gibt welche, die sind froh, dass es mich gibt. Die Fassade ist ja nicht das Wichtigste. Die Wohnungen sind zwar nicht auf dem neuesten Stand, aber solide und freundlich. Das Schild "Wohnungen zu vermieten" muss ich nicht aufhängen.

 

Kein Unbär   
Der Grisly steht an der Stromschnelle. Die hoch aus dem Wasser springenden Lachse sind für ihn leichte Beute. Wenn seine gewaltige Tatze zuschlägt, gibt es kein Entrinnen.

Aus den Augenwinkeln beobachtet er Menschen, die sich am Flußufer bewegen. Sie versuchen lautlos zu sein, aber er hat sie ständig im Visier. Sie bauen etwas auf. Eine Kamera? Er stellt sich unauffällig in Positur. Seine Schokoladenseite kennt er nicht, aber er atmet tief ein, damit er noch gewaltiger aussieht. Seine Mutter hatte ihm oft gesagt, er solle sich vor Menschen in Acht nehmen. Sie sind gefährlich! Ihr Vater wurde von einem Menschen erschossen. Es knallte und er fiel tot um.

Er klatscht mit seiner Tatze auf das Wasser, einfach nur so. Er ist, trotz der scheinbaren Lässigkeit, sehr angespannt. Wenn er wollte könnte er sie in die Flucht jagen. Schon wenn er sich auf alle Viere fallen ließe und mit erhobenem Kopf sich in ihre Richtung drehte, würden sie davon laufen. Oder, würden sie dann schießen, weil sie sich in Gefahr wähnten? Lieber kein Risiko eingehen.

Er holt sich wieder ein paar Lachse, die er genüßlich verzehrt. Er hat noch nie einen Menschen angefallen. Auch Vater und Mutter hatten das nicht getan. Sie hatten keine Gelegenheit und es gab keine Notwendigkeit. Er wußte also nicht ob sie überhaupt schmecken würden. Leben und leben lassen!

Die Menschen stehen reglos, als wären sie angewachsen. Sie wollen nicht auffallen. Sind sie aber längst. Die haben keine Ahnung wie sensibel er ist. Wenn er nur wollte, könnte er sie in die Hölle schicken. Angriff ist die beste Verteidigung. Aber wenn die Böses wollten, hätten sie ihn längst angegriffen. Ich bin satt und außerdem kein Unbär. -- - -
Er trollt sich in die andere Richtung. Ohne anzuhalten schaut er zurück. Die Menschen trollen sich auch.

 

Schiefi   
Das kleine, graue Kätzchen hob das schiefe Köpfchen und schnupperte. Es wußte nicht was es war, aber es roch gut.
Dort stand ja eine Gartentür offen, also der Nase nach. Es blieb erwartungsvoll stehen und sah sich neugierig um.
Ein runder Mann und eine gutmütig aussehende Frau, machten sich im Garten zu schaffen. Vorsichtig taperte es zur ebenfalls offenstehenden Haustür. Wenn es doch nur wüßte, was den herrlichen Duft verursachte!
Es war gebratener Speck.
Doch bevor das Kätzchen ins Haus gehen konnte, hatten die Beiden es bemerkt. Der bestimmte Ton "nein" ließ es erschrocken zurück zucken. Der Ton passte gar nicht zu denen, die sahen so gemütlich aus.
Es versuchte es mit Schmeicheln, rieb seinen kleinen, mageren Körper an den Beinen, wobei es sich fest anschmiegte. Natürlich, das zeigte Wirkung. Die Frau ging ins Haus, an den Kühlschrank, und holte einen Behälter heraus. Als sie den Deckel öffnete, roch auch das sehr verlockend.
Das kleine Kätzchen, es war sehr ängstlich, bekam Wurst. Bisher fraß es nur, was unter Laub und Kompost zu finden war. Bevor die Frau den Behälter schließen konnte, griff der runde Mann, der nachgekommen war, schnell noch einmal hinein und das bettelnde Kätzchen bekam einen Nachschlag.
Ach, hier ließ es sich aushalten.

Die Oktobersonne wärmte noch und es tat, was auch die beiden Menschen taten, es legte sich in die Sonne. Wenn die Hunger haben, wird es sicher auch wieder etwas für das Kätzchen geben. Und richtig! Na, da hatte es ja Glück, so liebe Menschen zu treffen. Es hörte immer wieder "Schiefi". Das war wohl der Name, den die beiden Menschen ihm gegeben hatten. Na, das paßte ja auch, es hatte schon selbst gemerkt, daß mit seinem Köpfchen etwas nicht stimmte.
Hatten sie nicht eben wieder Schiefi gerufen? Was gab es denn?!
O, sie stellten einen Korb auf die Terrasse und legten eine warme Decke hinein. Wozu sollte denn das sein? Vielleicht für die Nacht eine Schlafgelegenheit? Wäre ja schön, denn die Nächte waren schon empfindlich kalt. Schiefi probierte es einfach mal und es gab auch keinen Protest.
Im Gegenteil, es sah erstaunt, daß die beiden Menschen vor Freude ganz aus dem Häuschen waren. Die waren ja wirklich ein Glücksfall. So etwas hatte es in seinem jungen Katzendasein noch nicht erlebt.
Früh schon wurde es dunkel, und ohne Sonne auch kühl.

Ja, was war denn nun, die Menschen gingen ins Haus und Schiefi musste draußen bleiben. Vorher zeigten sie immer wieder auf das Körbchen. Nun stand es da, das Kätzchen, sollte es wie sonst umherstreunen oder in das Körbchen steigen? Es entschied sich für das Körbchen und rollte sich zusammen.
In der Nacht guckte mal der Mann und mal die Frau nach ihm. Dann hob es das schiefe Köpfchen erwartungsvoll. Gab es wieder etwas Leckeres? Nein. Aber eigentlich war es auch ungewöhnlich satt, weshalb es sich wieder zusammenrollte.
Schiefi nahm sich jetzt sehr wichtig, denn manchmal guckten auch beide Menschen nach ihm, und das in tiefer Nacht! Vor dem Einschlafen überlegte es, ob es nicht seßhaft werden sollte. Kommt Zeit, kommt Rat!

Es schlief fast bis zum Mittag. Da mußte es nun nicht mühsam nach Eßbarem suchen. Es gab leckere Bissen, und die sehr reichlich. Vor Wohlbehagen reckte und streckte es sich und schnurrte behaglich. - - - - - -
Mal sehen was los ist! Es lief zur Hecke und guckte nach draußen. Sollte es mal einen Spaziergang machen? Es blickte nach links, dann nach rechts und entschied sich für den Weg nach rechts.
Vorher aber schaute es noch zu den beiden lieben Menschen hin.

Es wurde schon fast wieder dunkel. Die Beiden gingen des Öfteren zu der offenen Gartentür und schauten nach Schiefi. Hatte es denn keinen Hunger? Fand es nicht den Weg zurück? War ihm etwas geschehen? Oder war einfach nur der Wunsch nach Freiheit größer?
Der runde Mann und die gutmütig aussehende Frau waren traurig. Schiefi sahen sie nie wieder. - - - - -

 

Ich bin   
Ich bin das Kind meiner Eltern die schon lange nicht mehr leben. Ich bin nun das Familienoberhaupt.

Ich bin die Mutter einer lieben Tochter und die Schwiegermutter ihres Mannes. Doch ich hoffe, ich bin keine böse Schwiegermutter.

Ich bin die Schwester eines viel jüngeren Bruders, dem die nun alte Schwester nichts mehr bedeutet.

Ich bin gerne Großmutter und Urgroßmutter von einigen Enkeln und Urenkeln, die ich mehr oder weniger oft zu sehen bekomme.

Ich bin leider die Witwe meines Mannes, dem ich lieber noch Ehefrau geblieben wäre.

Aber ich bin auch die Freundin meiner Freundin und deren Tochter.

Ich bin wie ich bin und was ich bin, durch die Ereignisse in meinem Leben.

Ich bin ein Glied in einer Kette, ein kleines Steinchen im Mosaik des Lebens.

Eines Tages bin ich gewesen.

 

Heraufbeschworene Vergangenheit    
Der Hubschrauber fliegt knatternd über das steinerne Gebirge. Großflächig, faltig, unwirklich bietet es sich mir dar.

Ich bin erregt, denn das Areal wirkt auf mich wie Menschen, eng aneinander gedrängt, schutzsuchend. Alle sind sie gezeichnet durch Falten, Runzeln und Elend. Es ist als schaue ich in einen Spiegel. Mein Gesicht, mein Körper, - das Alter hat da seine Spuren hinterlassen.

Da unter mir sehe ich eine Winzigkeit Leben. Moos wächst aus einer Felsspalte. Woher bezieht es seine Kraft? Es ist wie ein Symbol der Hoffnung.

Ich schließe meine Augen weil ich den Anblick nicht ertragen kann, denn vor meinem geistigen Auge sehe ich Menschen. Gestalten die aus den KZ´s befreit wurden. Kinder in den Körpern von Greisen. Mehr als 60 Jahre sind vergangen, doch diese Bilder sind eingebrannt.

Hätte ich den Krieg mit seinem Ende und den Folgejahren nicht erleben müssen, hätte ich dieses grandiose Schauspiel beeindruckend gefunden.

Ich bin froh als der Hubschrauber uns am Urlaubsort, dem Ausgangspunkt dieses Erlebnisses, absetzt.

 

 
   

 

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